Diese Seite enthält folgende Beiträge:

 

- Der Irish Red Setter

- Der Irish Setter im Wandel?

- Der Stammbaum - das theoretische Handwerkszeug des Züchters

- Wissenschaftliche Tests ersetzen nicht den Sachverstand des Züchters

- Objektivität und Transparenz bei der Beurteilung des Irish Setters im Ausstellungsring

 

                                                                                        Der Irish Red Setter

 

Er thront majestätisch auf dem Sofa oder blickt erhaben aus seinem Hundekorb. Den Besucher begrüßt er an der Tür und zeigt auf jeden Fall, dass er dazu gehört. Das allein ist für ihn wichtig.

 

Die ersten Monate liebt er die Auseinandersetzung, bis er versteht, dass man nicht jeden Menschen überschwänglich begrüßen darf, dass es Straßen und Autos gibt, dass Hasen, Raben und Ähnliches nicht zum Hetzen auf dieser Welt sind und dass der Ruf des Besitzers oberstes Gebot ist.

 

Der Irish Red Setter ist ein stolzer Hund, der sich gerne dem Menschen unterordnet, wenn er zu diesem aufblicken kann.

 

Er mag Kinder als Freunde, als Spielzeug für sie ist er sich zu schade. Auch als Familienhund bleibt er ein Jagdhund, dies zeigt sich besonders durch seinen Bewegungsdrang, der nur übertrieben wirkt, wenn die Erziehung fehlt.

 

Ein Grundgehorsam ist für jeden Setter unerlässlich. Der Irish Setter Club bietet regelmäßig Gehorsamslehrgänge für Hund und Besitzer an, um das richtige Miteinander zu üben.

 

Als Schoßhund rächt er sich bitter durch mannigfache Unarten. Seine Passion ist die Arbeit im Feld.

 

Vorstehen ist das Edelste, was ein Setter zeigen kann. Achtung vor dem Wild, das heißt, vor einem anderen Lebewesen, das er schont und nicht hetzt, wenn er erzogen ist.

 

Im Alter besitzt er die Weisheit der Philosophen und Ähnlichkeiten (auch äußere) zum Besitzer sind bestimmt nur ein Gerücht.

 

Freundlich, klug, ohne Aggression, so stellen wir uns den Charakter eines Setters vor. Einen solchen Hund in der heutigen Zeit zu züchten ist uns besonders wichtig.

 

Gesundheit ist dabei unser höchstes Gebot.

 

Hier die Anforderungen, die wir an Zucht und Zuchthunde stellen: 

 

Körung

Bewertung aller Hunde vor der Zuchtverwendung

Formwert

rassetypisches Erscheinungsbild

Hüftgelenkdysplasie

Zucht nur mit HD A und B (zentrale Auswertung)

Gentests

zur Bekämpfung von Erbkrankheiten

   

Wesenstest

für die Formzucht (Test akustischer und optischer Reize und Bindung an Menschen)

Test der natürlichen Anlagen (TNA)

 

Prüfungen

 

für junge Hunde

 

für die Leistungszucht (zwei rassetypische Feldprüfungen)

Wurfkontrolle

durch erfahrene Regionalzuchtwarte

Aufzucht

nur in einwandfreien, kontrollierten Zuchtstätten; geprüfte Züchter                             

 

                                              Der Irish Setter im Wandel?

 

 

Vor mir liegen zwei Standardwerke:  das im Jahre 1973 in Großbritannien erschienene Buch von Gilbert Leighton – Boyce „Irish Setters“ und das bereits 1964 in Deutschland erschienene Werk von Waldemar Marr  „Englische Vorstehhunde, Pointer und Setter“.

 

Ich blättere in der Geschichte:  Menschenhimmel  und Hundehimmel.  Selbstbewusst lächelt mich eine  jugendliche Sybil Lennox (Brackenfield) an, ich kannte sie nur als alte englische Lady mit Stock, daneben ein Bild der „strengen“  Mrs.  Walker  (Hartsbourne) oder des lockigen  Charmeurs  James (Wendover) und ich sehe Hunde, die im Stammbaum  fast aller unserer heutigen Hunde sind:  Setter  von guter Größe mit perfekten Winkelungen, sportlich und  mit schöner mittellanger Befransung.

 

Die „Vorzeigehunde“ von Marr sind vom gleichen Typ: Witheseal  Hartsbourne Dennison, Elke von Bergstücken oder Shandon O`Cuchulain oder  ein F. Tr. Ch Una  Monruad.

 

Lediglich die Trialer sind bis heute ihrem Aussehen treu geblieben.

 

Hartsbourne und Brackenfield haben ebenfalls versucht ihren Typ zu bewahren. Durch Zuchtauslese wurden der  Körperbau  ihrer Hunde noch straffer, die Köpfe  eine Mischung zwischen weich und herb, das Haarkleid blieb in seiner ursprünglichen Form. Gerade heute habe ich  bei „Irish Setters UK & Ireland“ gesehen, dass Sybils Zwinger von  Mrs.  Shepherd weitergeführt wird und einen Wurf mit fast 75% Brackenfields im Stammbaum erwartet. Welch ein Mut bei dem heutigen Showzirkus!

 

Wendover dagegen hielt nicht inne, der Typ wurde verfeinert, Eleganz, Schönheit, weicher  Gesichtsausdruck, Volumen, seidiges, dunkles Haar. Ich dachte vor Jahrzehnten schon, mehr geht nicht.

 

Doch mehr ging, denn der berühmte Kerryfair Nightfever kam und alle „lagen ihm zu Füßen“ und ich dachte wieder,  jetzt ist aber  Schluss, mehr Adel ist nicht möglich. Leider ein Trugschluss. Das imposante Haarkleid wurde bei der Nachzucht potenziert, dies leider manchmal auf Kosten von Winkelungen und Körperbau, die neben der Bewegung  aus dem Blickfeld gerieten: Porzellanhunde für die Austellungsvitrine.  Mehr war also möglich.

 

Doch plötzlich konnte die Vorhand steil und die Schulter gerade sein, dazu aber „verpflichtend“ eine sehr gut gewinkelte Hinterhand.  Diese kann jeder Richter erkennen. Naturgemäß erzeugt diese ordentlich Schub, eine Kraft, die von der steilen  Schulter nicht aufgefangen wird und  notgedrungen „rudern“  die Hunde beim Laufen mit den Vorderpfoten in der Luft. Dies wirkt umso grotesker, da viele Hunde auch an Masse zugelegt haben. Bei manchen Ausstellungen ist Gangwerk nur ein lästiges Pflichtprogramm.

 

Doch gerade in diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren dank VDH in der Kynologie viel getan. Das 2011 veröffentlichte Werk über die Bewegung des Hundes ist bahnbrechend:“ Erstmalig wird in diesem Buch die Fortbewegung von Hunden wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig allgemein verständlich dargestellt und erklärt. Es basiert auf der von gkf und VDH-Mitgliedsvereinen finanzierten Studie, die unter der Leitung von Professor Dr. Martin Fischer in Jena durchgeführt wurde. Eine innovative Bildsprache illustriert die Anatomie des Hundes auf spannende Weise und zeigt die Zusammenhänge von Skelett, Muskulatur und Fortbewegung. Die weltweit größte Studie von über 300 Hunden aus 32 verschiedenen Rassen ergibt völlig neue Erkenntnisse zu den Bewegungsabläufen von Hunden. Die beiliegende DVD mit über 400 Filmen, Röntgenfilmen und 3D-Animationen belegt die Vielfalt und Einheitlichkeit der Hundefortbewegung in nie erreichter Genauigkeit und Anschaulichkeit.“, so wird dieses Buch auf der Homepage des VDH vorgestellt.

 

Dieses Buch sollte weltweit  „Pflichtlektüre“ für alle Zuchtrichter sein.

 

Zucht ist Auslese, Gesundheit  und Wesen sollten diese bestimmen, aber auch das Auge kann beteiligt sein,  das aber nur, solange es nicht zu einem Diktat der Optik kommt.

 

Imposanter Körperbau, reichhaltiges Haar, das mit Stulpen und Mäntelchen geschützt wird, will das überhaupt der Setterliebhaber, der mit seinem Hund durch Wald und Wiesen streift???

 

Im Hochleistungssport kursiert die verheerende Devise „schneller, höher, stärker“.  Für unsere Setter  müsste es im Hinblick auf Haar und Körperbau heute leider lauten: länger, größer, schwerer.

 

Und da gibt es  einen Standard, der bestimmte „Veredelungen“  im Laufe der Jahre zulässt, aber keine Verunstaltungen auf Kosten von Körperbau und Bewegung.

 

Was ist dieser Standard, der für alle  Irish Red Setter gelten sollte  Wert?

 

Anfang des Monats erhielt ich über den VDH ein Schreiben von der FCI.

 

Es wird uns klar und deutlich mitgeteilt, dass die vor zehn Jahren von Großbritannien  beantragte Übergangsfrist, die Größenmaße betreffend, schon damals abgelehnt wurde und der aktuelle Standard für uns bindend ist (Rüden: 58 -67cm, Hündinnen:  55 – 62cm).

 

Der amerikanische Standard  aber sieht für Rüden 27 inches (68,6cm) und für Hündinnen 25 inches (63,5cm) als maximale Höhe  vor, betont  gleichzeitig,  dass Übergrößen nicht disqualifizierend sind. Die steile Vorhand und die überwinkelte Hinterhand sind zwar nicht erwünscht, werden aber toleriert, da „Gang und Gebe“ in der amerikanischen Zucht.

 

(Interessanter Weise habe ich  in den letzten Jahrzehnten zwei Weltausstellungen in Westeuropa erlebt, bei welchen die Irish  Red Setter von südamerikanischen Richtern gerichtet wurden, die sich am amerikanischen Standard orientieren.)

 

Die Franzosen führen zwar den FCI Standard mit seinen Größenangaben an, legen aber gleichzeitig  Wunschgrößen in einer Zuchtrichteranleitung fest: Rüden: 59 – 64 cm, Hündinnen: 56 – 60 cm.

 

Die Kruppe kann(soll?) abfallend sein, der Rücken darf  eine Einbuchtung  aufweisen.

 

Mit einem Hund der diese „gewünschten „ Maße übersteigt  in Frankreich im Ring zu erscheinen  bedeutet, verächtliche Blicke ernten und eine sichere Niederlage.

 

Welch ein „Wirrwarr“! Welches ist also der „wahre“ Irish Red Setter???

 

Ein harmonischer Hund von mittlerer Größe, ausgewogen mit  einer korrekten Vorder- und Hinterhand - Winkelung, mit straffem Rücken, Kruppe nicht abfallend, dunklen Augen, edlen Kopf, sanftem Ausdruck, schönem dunklen Haarkleid von mäßiger Länge und fließendem Bewegungsablauf, nicht mehr und nicht weniger.

 

 

                   Der Stammbaum, das theoretische Handwerkszeug des Züchters 

 

Der Umgang des Züchters mit Stammbäumen setzt Grundkenntnisse über die Entwicklung der einzelnen Zuchtrichtungen voraus, die immer wieder durch enge Verpaarungen von Zuchttieren geprägt war, was dazu führte, dass bestimmte Merkmale wie Aussehen oder Leistung durch Inzucht gefestigt wurden. Leider wurden dadurch auch negative Faktoren wie Erbkrankheiten oder Wesensmängel angereichert. In der Zucht von „gestern“ liegen die Probleme von heute.

Ich habe mich in meinen Ausführungen auf die Zuchtlinien der letzten vier Jahrzehnte beschränkt, die hinter unseren gegenwärtigen Zuchttieren stehen. 

 

 

A: FORMZUCHT 

 

Europaweit geht die Formzucht des Irish Setters auf Hunde zurück, die in Großbritannien gezogen wurden. Bestimmt  wurde diese Zucht durch den Zwinger „Wendover“ (Mr. James), eine Linie, die anfangs über eine ausreichende genetische Vielfalt verfügte.

Die Auswahl der Zuchttiere wurde vorwiegend anhand äußerlicher Merkmale getroffen. Parallel dazu, ohne wesentliche Bezugspunkte zu Wendover, verlief die Zuchtlinie des Zwingers „Brackenfield and Hartsborne“ von Miss Lennox.

Aufgrund enger Verpaarungen wurde der Formwert der Hunde aus dem Zwinger Wendover immer imposanter, der Inzuchtkoeffizient stieg jedoch dementsprechend an. Ein typischer Stammbaum sah folgendermaßen aus:

 

Wendover Gentleman

Wendover Gary Of Acres

Watendlath Joao O'Pandy

Watendlath Double Top »

Victory Of Mearnesse »

Wendover Kelly

Wendover Beggar »

Wendover Lola »

Wendover Katie

Wendover Beggar

Beau Of Wendover »

Wendover Robina »

Wendover Lola

Watendlath Kevin O'Pandy »

Wendover Roberta »

Wendover Star

Wendover Vagabond

Wendover Beggar

Beau Of Wendover »

Wendover Robina »

Wendover Lola

Watendlath Kevin O'Pandy »

Wendover Roberta »

Wendover Dry Bracken

Rufus Of Kyrewood

Watermill Larry »

Cherie Of Kyrewood »

Wendover Linnet Of Kyrewood

Watendlath Kevin O'Pandy »

Wendover Roberta »

 

 Eine weitere „Championfabrik“ war der Zwinger „Cornevon“ von Miss Roberts. Die von ihr anfänglich gezüchteten Hunde waren eine interessante Mischung aus Wendover und Brackenfield, aufbauend auf ihre Zuchthündin Brackenfield Iris. Leider verlief die Zucht bald einseitig in Richtung Wendover mit erheblichen Anreicherungen einzelner Hunde. Brackenfield und Hartsborne hielten ebenfalls an ihrem Hundetyp (oldfashioned style) fest, was auch ihre Zuchtbasis deutlich einschränkte.

Es gab immer wieder „Springer“ zwischen beiden Zuchtlinien, z.B. die Zwinger Tagamago, Autumnglow, Canbargus oder Kylenoe etc. Leider haben sich viele dieser Zwinger in den letzten 20 Jahren von den Brackenfield-Linien abgewandt um den hohen Formwertansprüchen gerecht zu werden.

Ein interessanter Hund, der eine perfekte Aufmischung darstellt und auch dem Formwert gerecht wurde, war der Cruftswinner Starchelle Chicago Bear:

 

Clonageera Genesis

Sowerhill Sahib

Wendover Jeeves

Wendover Ballymoss »

Wendover Lupina »

Sowerhill Sarah

Stephenshill Gamebird »

Sowerhill Samantha »

Clonageera Megan

Jason Of Andana Of Clonageera

Margretwoods Caretaker Of Scotswood »

Tralee Of Andana »

Bella Rosa Of Andana

Wendover Gentleman »

Gay Serenade Of Andana »

Forever Amber By Starchelle

Mister Softee Of Barncliffe

Barncliffe Cavalier

Barnsforde Windward Of Simmerforde »

Helecam Highlight »

Lady Of Calderfield

Shanell Lerouge »

Brackenfield Amethyst »

Rodillian East

Simmerforde Aristocrat Of Bretcar

Barncliffe Baretta Of Simmerforde »

Bilbro Cher Of Simmerforde »

Bretcar Summer Sunlight

Mystars Game Revenge »

Mystars Game Lady Bountyful »

  

Basierend auf die Wendover-Linien mit einem verschwindend geringen Anteil von Brackenfield brachte der Zwinger „Kerryfair“als Ereignis in der Setterwelt den Rüden Kerryfair Night Fever, eine außergwöhnliche Erscheinung mit wenig erfreulichen Auswirkungen auf die Zucht. Dies nicht durch etwaige Mängel, die er vererbt haben könnte, sondern durch die Häufigkeit seiner Verwendung in der Zucht.

Doch dieser Rüde wurde noch durch seinen Sohn Danaway Debonair „überholt“.  

 

Auch hier ist die Anreicherung nicht abgeschlossen und findet in Debonairs Sohn Caspians Intrepid einen neuen Höhepunkt: 

 

Danaway Debonair

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib

Wendover Jeeves »

Sowerhill Sarah »

Cornevon Spring Melody

Wynjill Country Woodland »

Cornevon Tamarind »

Disco Dancer Of Danaway

Wendover Colas

Wendover Gentleman »

Wendover Scarlet Girl Of Kerrydene »

Westerhuy's Dutch Spirit

Cornevon Lovebird »

Cornevon Westerhuy's Cloggy »

Caspians Night Music

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib

Wendover Jeeves »

Sowerhill Sarah »

Cornevon Spring Melody

Wynjill Country Woodland »

Cornevon Tamarind »

Wendover Cassidy

Wendover Raffles

Kerryfair Night Fever »

Wendover Maid Marion »

Coppertop Wendy Of Wendover

Wendover Washington Of Caspians »

Caspians Snowdrop »

  

Der Versuch einen neuen Night Fever, Debonair oder Intrepid zu züchten geht noch weiter und führt zu Stammbäumen, die mittlerweile als typisch für die englische Zucht bezeichnet werden können: 

 

Caspians Intrepid

Danaway Debonair

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib »

Cornevon Spring Melody »

Disco Dancer Of Danaway

Wendover Colas »

Westerhuy's Dutch Spirit »

Caspians Night Music

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib »

Cornevon Spring Melody »

Wendover Cassidy

Wendover Raffles »

Coppertop Wendy Of Wendover »

Caspians Star Shadow

Night Shadow Of Wendover

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib »

Cornevon Spring Melody »

Wendover Cassidy

Wendover Raffles »

Coppertop Wendy Of Wendover »

Caspians Turtle Dove

Danaway Debonair

Kerryfair Night Fever »

Disco Dancer Of Danaway »

Wendover Cassidy

Wendover Raffles »

Coppertop Wendy Of Wendover »

  

Auch für den Anfänger ersichtlich ist die Häufung von Night Fever in der 3. und 4. Generation, neben der Tatsache, dass auch Wendover Cassidy 3mal als Urgroßmutter

vertreten ist, also schon in der 3. Generation keine neuen Hunde in diesem Stammbaum mehr auftreten. Bei soviel Unverstand kann der Genetiker nur den Kopf schütteln!

Einseitige Schuldzuweisungen  alleine in Richtung englische Zucht sind jedoch nicht gerechtfertigt. Der angeführte Beispielstammbaum ist austauschbar und durch Hunde aus Amerika, Australien, Niederlande, Ungarn, Schweden und leider auch aus Deutschland beliebig zu ersetzen. Bedauerlicher Weise bekommen wir als Züchter häufig nur einen Dreigenerationenstammbaum eines Zuchttieres.

Bei der Auswertung eines Stammbaums muss noch einmal deutlich darauf hingewiesen werden, dass gegen eine vernünftige Linienzucht nichts einzuwenden ist. Wenn einzelne Hunde zweimal im Stammbaum auftreten, können dadurch positive Merkmale durchaus gefestigt werden, ohne Auftreten einer Inzuchtdepression. Wichtig dabei ist das Verhältnis zwischen verwandten und fremden Anteilen zu beachten.

 Wenn ich mir heute den Stammbaum meines ersten B-Wurfes (1984, alte deutsche Leistungszucht) ansehe, hält sich bei 6x Moanruad Nimbus meine Begeisterung heute in Grenzen. Die Probleme ließen auch nicht lange auf sich warten, sie waren auch der Grund, weshalb ich mit dieser Linie nicht weiter gezüchtet habe. Meine damaligen Berater waren offensichtlich die falschen, die Auswirkungen der Inzuchtdepression, Rückgang der Fertilität, Zunahme von Erbmängeln, Verringerung der Vitalität und Leistungsfähigkeit etc., waren ihnen fremd.

Die Folge war, dass ich um weiter zu züchten auf eine neue Linie „umsteigen“ musste, was schmerzhaft war,  da gerade die jagdliche Komponente meiner damaligen Hunde mir imponierte.

Seit Jahrzehnten ist Aufmischung mein höchstes Zuchtprinzip. ( Mein Rüde Fire verfügt in seinem Stammbaum über alle großen Namen aus Form- und Leistungszucht.) 

 

B:  LEISTUNGSZUCHT

 

Die Anfänge der Leistungszucht im ISCD sind verständlicher Weise bei P&S zu suchen.

 Die deutsche Zucht wird in den 70er-Jahren durch zwei Importrüden, Moanruad Nimbus und Holmes Dart, dominiert. Aus einheimischer Zucht folgte der Rüde Bodo vom Usenborn (Grinzing vom Gebirgsjägerhof x Christel vom Lindenbaum). Grinzing stammt von Gilko von Oelken ab, dieser geht wiederum auf den berühmten Björn von Eisenhammer zurück. Bodo stand den beiden Importrüden auch leistungsmäßig in nichts nach..

 

Bei P&S wurde das Zusammenführen der Linien von Holmes Dart und Moanruad Nimbus richtig ausgereizt. Als Paradebeispiel ist Alf vom Almesbach zu nennen und dessen Sohn, Asko aus dem Köthenwald. Meine erste Zuchthündin, Bianka von Hangenham, mit zwei Mal Alf von Almesbach als Großvater und mein oben erwähnter B-Wurf waren leider an Inzuchtverbindungen nicht zu schlagen: 

 

Bianka von Hangenham

Asko aus dem

Köthenwald

 Alf von Almesbach

 Holmes Dart

 Dixi vom Reheck

 Queen vom

 Horner Bruch

 Moanruad Nimbus

 Gillian v. Horner Bruch

Allia von Hangenham

 Alf von Almesbach

 Holmes Dart

 Dixi vom Reheck

 Medea von der Hex

 Moanruad Nimbus 

 Topsy v. Bergstücken

Luck vom Reheck

Moanruad Nimbus

 Moanruad Dan

 Waydown Sandy

 Rahard Belle

 Technical Miss

 Moyle Boy

 Glen Ui Mail Juliet

Asta von Almesbach

 Holmes Dart

 Vinsterens Kim

 Javelin Garonne

 Dixi vom Reheck

 Moanruad Nimbus

 Alpha v. Bildgarten

  

Einen anderen Weg schlug der Zwinger „von Royal“ ein. Er züchtete die Hunde aus dem irischen Zwinger Moanruad als Reinzucht in Deutschland weiter. Dieser Zwinger verfügte durch seine Vielzahl von Hunden über ein großes Zuchtpotential, sodass Inzucht weitgehend umgangen wurde. Aus dem Zwinger Moanruad stammen weltweit die meisten renommierten Leistungschampions, leider lässt der Formwert viel zu wünschen übrig.

Als bekannte Namen wären Dare, Garth und der Ft-Ch Timothy zu nennen. Hier der Stammbaum des Letzteren: 

 

Moanruad Stardust

Moanruad Game

Chess Of Maytown

 
 

Moanruad Sprite

 
 

Knockmore Red Molly

Red Revolution Of Fallows

 
 

Slievebawn Minnie

 
 

Moanruad Of Connor

Innistona Gift

Moanruad Wag

 
 

Rath Rich Cindy

 
 

Tania Of Conway

Cloughmills Boy

 
 

Latton Red Heather

 
 

 

Auch der Zwinger „von der Bismarckhöhe“ setzte auf reine Moanruad-Vorfahren.

Durchdacht flossen diese irischen Linien in die „Lindenbaum“-Zucht oder bei „Westmünsterland“ ,bei letzterem mit einem stärkeren Moanruad Anteil, ein.

Als positives Beispiel dient hier der „M“-Wurf von „Lindenbaum“:

 Bodo von Usenborn

Grinzing vom Gebirgsjägerhof

 Gilko von Oelken

 Björn v. Eisenhammer

 Kolibri v.Bergstücken

 Belinda vom

 Gebirgsjägerhof

 Artus v.d. Filder

 Cora v. d. Südwand

Christel vom Lindenbaum

 Yssel vom Rodalbtal

 Goldwyn’s Kilmar

 Bella v. d. Maxklause

 Alma vom Rebland

 Blitz v. Teufelssee

 Alfa vom Rheinblick

Iris vom Lindenbaum

Arno vom Westerberg

 Holmes Dart

 Vinsterens Kim

 Javelin Garonne

 Asta vom

 Sonnentempel 

 Moanruad Nimbus

 Cilli v.Bildgarten

Baquila von der Bismarckhöhe

 Alf von Almesbach

 Holmes Dart

 Dixi vom Reheck

 Ester vom

 Lindenbaum

 Amor v. Lindenbaum

 Alma vom Rebland

 

 Eine leistungsmäßig starke Erscheinung stellt heute der Rüde „Lohmann’s Dietze“, eine Mischung aus Usenborn und einer dänischen Leistungslinie, dar. 

Während der Leistungszucht im ISCD die übertrieben engen Verpaarungen der 70er-Jahre in jüngerer Zeit weitgehend erspart blieben, haben einzelne französische Zwinger in der Suche nach dem Topp-Field Trial Champion die engen Verpaarungen gnadenlos weitergeführt. Viele große französische Leistungshunde gehen auf Yvette und Zulu von Royal zurück, ergänzt durch alte französische Linien oder Importe aus Irland wie z.B. Sheantullagh Rampant, ein Moanruad - Ableger. Ein aktueller Wurf weist die Verbindung Yvette x Rampant drei Mal in der ersten und zweiten Generation auf. Diese Züchtungen erinnern mich an die oben erwähnten Anfänge der Leistungezucht mit hohem Inzuchtkoeffizient.

 

Einer Inzuchtdepression kann man entgegenwirken durch das einfachste, älteste, aber immer noch aussagekräftige Handwerkszeug der Genetiker – die Stammbaumanalyse.

 

 

C: STAMMBAUMANALYSE

 

 

Stammbaumanalyse bedeutet, Stammbäume richtig zu lesen und zu interpretieren.

Sie fragen sich als Züchter bestimmt, was das alles soll, da der Stammbaum Ihrer Hunde in den ersten vier Generationen zahlreiche fremde Namen beinhaltet. Aber gerade hier beginnt das Verhängnis.

 Machen Sie sich die Mühe und nutzen Sie im Internet die von Lena Argard aus Schweden zusammengestellte Sammlung von Irish Setter Stammbäumen (Irish Red Setter Pedigree Collection -  http://setters.applegrove.net/). Diese Website ist „die Stunde der Wahrheit“. Durchforsten Sie die 6., 7. und 8. Generation Ihrer Hunde und Sie werden auf bekannte Zuchtlinien stoßen, obwohl Ihnen der Zwingername eines Hundes in Ihrem Stammbaum fremd erschien.

Lassen Sie sich nicht von selbst ernannten „Setterpäpsten“ zu einer Verbindung überreden. Entscheiden Sie eigenständig anhand des Stammbaums.

Zur Erbfehleranalyse verfügen wir im ISCD seit Jahren über ein gut durchstrukturiertes Erbfehlerprogramm, das über den Hauptzuchtwart abgefragt werden kann.

Treffen Sie Ihre Entscheidungen nicht nur nach Titeln sondern nach genetischen Kriterien. Grundlage der Überlegung sollte sein, der eigenen Linie immer wieder fremde Komponenten hinzuzufügen.

Reine Fremdpaarungen mit genetisch völlig unterschiedlichem Erbmaterial sind bei Züchtern nicht besonders beliebt – und das mit Recht. Polygene Erbgänge, sowohl additiv als auch komplementär, liefern unter Umständen Ergänzungsstücke zur Ausprägung eines Erbfehlers. Ist eine Fremdpaarung jedoch gelungen und fehlerfrei, stellt ein derartiger Wurf eine enorme Erweiterung des Genpools der Zucht dar, auf den man bei kommenden Verpaarungen wieder zurückgreifen sollte.

 

Vorrangiges Ziel unserer Zucht  muss sein, einen gesunden  und wesenstypischen Irish Setter zu erhalten.  

 

 

P.S.: In Anbetracht der umfangreichen Thematik erhebt dieser Artikel nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, Ergänzungen sind deshalb willkommen.

Über die Geschichte der Zucht aus den Neuen Bundesländern fehlen mir die Kenntnisse und Stammbaumunterlagen.

 

Wissenschaftliche Tests ersetzen nicht den Sachverstand des Züchters

 

Als ich vor mehr als 20 Jahren mein erstes Amt als Hauptzuchtwart im ISCD übernahm, hatte ich hehre Ziele.

Unsere Setterzucht sollte dem wissenschaftlichen Fortschritt angepasst werden.

Das damalige Hauptübel, die Speiseröhrenlähmung (MO) sollte durch Einbeziehung der Wissenschaft (Uni Heidelberg und Berlin) angegangen werden.

Jahre später musste ich feststellen, dass die Erfolge bescheiden waren, da wissenschaftliche Forschung sehr teuer ist und bei polygenen Erbkrankheiten wie MO „in den Kinderschuhen steckt“. Die Zusammenarbeit mit den Züchtern gestaltete sich schwierig. Durch das Einschicken der verstorbenen Welpen an die Uni Berlin, was ich bei meiner ersten Vorstandssitzung zur „Vertrauensfrage“ erklärte, war das Problem längst nicht behoben. Auch die vom niederländischen Club eingeführte Methode der Käuferbefragung, zum Beispiel „Wie füttern Sie Ihren Hund? Frisst er erhöht vom Tisch? Ist die Nahrung fest oder breiig?“, konnte diese Erbkrankheit nicht ausrotten.

Das Einzige, das ich erreicht hatte, war die Sensibilität der Züchter für dieses gravierende Problem zu fördern.

In Erinnerung wird mir ewig der zehn seitige Brief einer Züchterin über das qualvolle Sterben von zehn Welpen an MO bleiben. So etwas geht einem nicht mehr aus dem Kopf.

Die Epilepsie geistert nach wie vor durch die Zucht. Meines Erachtens wurde sie aber genau wie Entropium (beide polygene Erbkrankheiten) in unserer Zucht zurückgedrängt.

Ein Gespräch am Ostersonntag mit einer verzweifelten Frau, die immer wieder in Weinkrämpfe verfiel, wenn ihr Rüde im Hintergrund im Abstand von zehn Minuten einen Krampfanfall hatte, werde ich auch nicht vergessen.

Stammbaumanalyse, dieses alt bewährte Handwerkszeug des Züchters, aber auch des Genetikers war nach wie vor das Zauberwort diese Krankheiten anzugehen. Die sehnsüchtig erwarteten Gentests blieben aus.

Wirkliche Erfolge lassen sich in der Bekämpfung der Hüftgelenkdysplasie feststellen. Die konsequente Auswertung seit einigen Generationen trägt Früchte.

Da diese ebenfalls polygen vererbt wird, wird es zwar nie eine HD-freie Zucht geben können, aber unsere HD Statistik liest sich positiv. Dennoch beobachte ich mit Missfallen die Auswertungspraktiken einiger Nachbarländer, Hunde in dem Land auswerten zu lassen, in dem es die besten Ergebnisse zu erwarten sind.

Die abenteuerlichen Umrechnungstabellen des englischen Systems in FCI-Auswertungen, die kursieren, weichen die Erkenntnisse der „Hartung Schule“ diesbezüglich auf. Wir sollten an unserem System festhalten.

Als wir vor zwei Jahrzehnten mit der zentralen Auswertung begannen, gab es angeblich im ISCD nur HD freie Hunde, dennoch war ich als Hauptzuchtwart stundenlang damit beschäftigt, Menschen zu erklären, wieso achtmonatige junge Hunde nicht mehr auf die Beine kommen. An diese Zeiten denkt man nicht gerne zurück.

Und dann gibt es die für die Zucht „harmloseren“ Erbkrankheiten, da monogen und mit der Möglichkeit sie zu testen: zum Beispiel CLAD und PRA. Endlich gab es die lang ersehnten Tests, aber auch zwei neue Erbkrankheiten.

CLAD hat unsere Zucht nur leicht gestreift, ohne erhebliche Schäden zu hinterlassen. Die rcd1 PRA (die Erblindung im Welpenalter) ist Dank der schon länger existierenden Tests und Augenuntersuchungen bei uns nicht mehr in der Zucht. Mit der Bekämpfung dieser Erbkrankheit hatten die Engländer schon weit vor den ersten DNA-Tests mit gezielten Testkreuzungen begonnen. Die rcd4 PRA Form wirbelt nun aber europaweit die Zucht durcheinander.

Es ist beruhigend zu wissen, dass spätestens nach ein oder zwei Generationen ein monogener Erbdefekt, für den es einen Test gibt, Geschichte ist.

Unser Weg richtig: 1. testen, 2. nur Verpaarungen der befallenen Hunde oder der Träger mit einem freien Partner, um auf diese Weise keine befallenen Hunde mehr zu züchten.

Was mich stutzig macht, sind die Zahlen der veröffentlichten Testergebnisse.

Beim Kennel Club waren Ende 2011 ungefähr 300 Hunde getestet. Den Angaben entsprechend waren genau die Hälfte der getesteten Hunde Träger. Relativ klein ist die Anzahl der „befallenen Hunde“. In den Niederlanden und Belgien, bei geringerer Anzahl der getesteten Hunde, ist das Verhältnis ähnlich.

Leider hat das Labor bereits einzelne Auswertungsfehler eingeräumt, dies ist nicht unbedingt vertrauensfördernd.

Ginge man davon aus, dass alle als Träger getesteten Rüden, die die Hälfte aller bis jetzt getesteten Hunde ausmachen, nicht mehr in der Zucht eingesetzt würden und alle befallenen Hunde zurückgestellt werden - wahrscheinlich größtenteils die übliche Praxis, wenn auch nicht zwingend notwendig - würde uns fast 40% unseres Genpools verloren gehen.

Das ist für unsere kleine Zuchtpopulation enorm.

Vor einigen Monaten erhielt ich einen Fragebogen vom Irish Setter Breeders Club, auftretende Erbkrankheiten beim Irish Setter betreffend.

Ich glaubte bis jetzt in diesem Bereich alles zu kennen. Ich konnte feststellen, dass die Setterzucht in Deutschland meines Wissens glücklicherweise von vielen Erbkrankheiten nicht tangiert ist, die diese wenig erfreuliche Liste aufweist.

Wie wird es mit der Zuchtbasis aussehen, wenn der nächste Test kommt und der übernächste? Und diese werden kommen, denn die privaten Testlabors arbeiten gewinnorientiert.

Anfangs hatte ich vermutet, dass nur die Formzucht von rcd4 PRA betroffen ist. In der Zwischenzeit werden immer mehr Hunde getestet, die auf reine Leistungslinien zurückgehen (ähnlich wie bei CLAD). Also ist auch hier der gesamte Genpool unserer Rasse betroffen.

Wenn man durch Stammbaumanalyse die zwei Zuchtrichtungen verfolgt, kann man feststellen, dass in der Formzucht die ersten Wendover-Linien (vor mehr als 50 Jahren) schon davon betroffen waren und von der Leistungszucht weiß man angeblich, dass die Vorläufer der Moanruad-Linien ebenfalls mit dem Problem behaftet waren.

Wieso also erst heute der Wirbel? Weil es einen Test gibt?

Es muss auch die ketzerische Frage erlaubt sein, ob diese Krankheit nicht auch zahlreiche andere Rassen betrifft? Es begann mit dem Gordon Setter, jetzt sind die Roten dran, die Rot- Weißen sind angeblich auch betroffen und was folgt dann?

Das englische Labor ist gut ausgelastet.

Trotzdem gibt es für uns kein Zurück. Es geht nur darum, wie wir mit der Sache umgehen.

Ich hoffe für unsere Rasse, dass wir wir nicht voreilig handeln und „das Kind mit dem Bade ausschütten“. Dass wir nicht PRA „ausrotten“ und durch die Einengung des Genpools HD, Epilepsie, MO und andere Erbkrankheiten anreichern.

Dann würden wir uns durch unseren Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen einen „Bärendienst“ erweisen.

Der Sachverstand des Züchters ist gefragt wie noch nie und kann nicht durch wissenschaftliche Tests ersetzt werden. Eine eigene bewährte Linie, die man kennt, aufgeben, da Träger vorhanden sind und rcd 4-freie, vielleicht mit anderen - momentan noch nicht testbaren - Erbkrankheiten belastete, Tiere einkaufen, wäre die falsche Entscheidung.(Verfährt man beim nächsten Test dann wieder so?)

Doch gerade das scheint das Allheilmittel für manche zu sein, die sich von Dilettanten, die in verschiedenen Internet-Foren die Hysterie schüren, „einheizen“ lassen.

Abschließend sei eine hypothetische Frage erlaubt: Was wäre, wenn wir die Perfektionsanforderungen von den Hunden auf uns Menschen übertrugen???

 

Objektivität und Transparenz bei der Beurteilung des Irish-Setters im Ausstellungsring

 

 

 

Als Richter werden wir häufig angefeindet und stehen unter einem hohen Zuschauer- und Ausstellerdruck.

 

Wir müssen in einem begrenzten Zeitraum schlüssige Ergebnisse liefern, zum Teil unter erschwerten Verhältnissen.

 

Stellt man einem erfahrenen Richter die Frage, was ein Kollege unbedingt an Voraussetzungen mitbringen muss, so hört man als erste Antwort: Eine gute Kenntnis des Rassestandards.

 

Mit dem Rassestandard des Irish Setters wird es uns leider nicht immer leicht gemacht, da manche Passagen etwas schwammig formuliert und deshalb schwer nachvollziehbar sind. Dennoch muss man sagen, dass er genug Möglichkeiten bietet um eine recht objektive Beurteilung zu erstellen.

 

Wir müssen uns mit diesem Standard beim Richten auseinandersetzen, denn seine Stärken liegen im Detail.

 

Zum Beispiel: ovaler Oberkopf, das heißt, kein „Dreieckskopf“; Lefzen nicht lose herabhängend - wie gerne sehen manche Richter diesen „überquadratischen“ Fang?  ; gute Kopfparallelen – ist bei vielen, besonders ausländischen Richtern, zur Nebensächlichkeit geworden. Das dunkle Auge, das stets ein Muss war, wird in den helleren Schattierungen häufig genauso akzeptiert. Der sehr flache Kopf mit wenig ausgeprägtem Stopp darf nicht toleriert werden, da er einen setteruntypischen Ausdruck hervorruft und dem Standard widerspricht.

 

Meines Erachtens ist die zurückliegende Schulter ein wichtiges Kriterium,  das manchmal einfach ignoriert wird. Dafür kann jeder Anfänger im Ring aber eine gut gewinkelte bis überwinkelte Hinterhand erkennen. Dass die Winkelungen vorne und hinten zusammen passen müssen, bleibt häufig außer Acht. Der Wunsch nach einem Irish Setter mit der Haarkleidlänge eines Afghanen ist nach dem Standard nicht gerechtfertigt – „ausreichend behaart um eine Befransung zu bilden“ ist gefordert. Das Haarkleid muss kastanienfarben sein, daran geht kein Weg vorbei.

 

Häufig werden die Pfoten unserer Hunde einfach übersehen und breite, durchgetretene grobe Füße akzeptiert. Der Standard verlangt aber kleine, kräftige Pfoten. 

 

Zurzeit richtet sich das Hauptaugenmerk jedoch auf die Größe. Ich werde keinen Richterkollegen dazu animieren die Größe zu ignorieren. Sie ist wie die anderen Kriterien eine Komponente des Standards. Wir alle wollen keine mahagonifarbenen Bernhardiner, aber die gegenwärtige Hysterie geht mir entschieden zu weit. Schließlich sind wir ein Zuchtverein, der seine Zuchtpopulation insgesamt vor Augen haben muss.

 

Ich habe in England Ausstellungen erlebt, wo die Bewegung der Hunde zur größten Nebensächlichkeit degradiert wurde. Ich habe aber auch Miss Sybill Lennox, eine Frau Gelderen-Parker oder einen Dr. Wilfried Peper im Ring erlebt, die ein hervorragendes Auge für den Bewegungsablauf eines Irish Setters zeigten. Wir sind als Richter unserer Rasse geradezu verpflichtet hier die größte Sorgfalt walten zu lassen, da gerade durch die Bewegung Mängel im Körperbau sichtbar werden.

 

Wir müssen bei unseren Überlegungen im Ring die letzte Passage genau berücksichtigen:  eine Abweichung von den vorgenannten Punkten kann als Fehler angesehen werden, dessen  Bewertung in genauem Verhältnis zum Grad der Abweichung stehen sollte.

 

Es gibt also für uns Richter im Standard genug Anhaltspunkte, die wir beim Richten berücksichtigen können und müssen. Doch damit ist unsere Arbeit im Ring noch nicht getan. Wir müssen uns auch von unserem Geschmack und unserer Intuition leiten lassen um einen Hund als Gesamterscheinung zu sehen und nicht als Summe von Fehlern oder Vorzügen.

 

Die Ausstrahlung eines Hundes ist wichtig. Wir müssen als Richter  den Mut aufbringen auch den am besten aufgebauten Hund uns frei im Stand anzusehen, das Spiel seiner Rute, um seine Körperhaltung und Körpersprache mit zu beachten.

 

Beim Platzieren der Hunde dürfen wir uns nicht vom Umfeld täuschen lassen. Wir müssen einfach die Person, die dahinter steht oder den Druck der Menge vergessen.

 

Der Ehrenpräsident des VDH, Herr Uwe Fischer, hat in einem Interview gesagt, „der Richter sollte immer Chef im Ausstellungsring sein um jede Situation zu meistern“. Ich habe Richter erlebt, die sich hinter dem Ringpersonal verschanzten oder sich von Richteranwärtern das Zepter abnehmen ließen.

 

Wir als Richter dürfen bei all unseren Entscheidungen nicht vergessen, dass eine Ausstellung heute eine kostspielige Angelegenheit geworden ist und jeder Aussteller, auch der blutigste Anfänger, das Recht auf eine faire Bewertung seines Hundes hat, auch wenn die Präsentation zu wünschen übrig lässt.

 

Unser Urteil spiegelt sich in dem von uns verfassten Richterbericht wider. Wir müssen darauf achten, dass die Relation stimmt. In erster Reihe zählen die Vorzüge des Hundes, wir haben aber auch die Verpflichtung die Mängel nicht zu beschönigen. Der Richterbericht soll mit der Formwertnote übereinstimmen. Zum Schluss müssen wir die Beschreibungen vor der Platzierung noch einmal überdenken. Hat der „V1“-Hund wirklich auch die beste Beschreibung?

 

Nur wenn alles stimmt, verlässt der Richter  den Ring mit dem Gefühl des „unparteiischen Fachmanns“.